Viele Stellen, viele Suchende. Warum Ausbildung oft nicht zusammen findet
Das duale Ausbildungssystem steht unter wachsendem Druck: Der demografische Wandel, sinkende Schulabgängerzahlen und der Trend zu höheren Schulabschlüssen verändern den Ausbildungsmarkt spürbar.
Ein zentrales Problem dabei sind die sogenannten Passungsprobleme.

Wenn Angebot und Nachfrage sich verfehlen
Passungsprobleme beschreiben eine Situation, in der am Ende eines Ausbildungsjahres gleichzeitig viele Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben und viele junge Menschen keinen Ausbildungsplatz finden. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich, schließlich stehen rechnerisch fast genauso viele Plätze wie Bewerberinnen und Bewerber zur Verfügung.
Laut dem Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2025 vom Bundesinstitut für Berufsbildung, standen im Jahr 2024 bundesweit rund 556.000 Ausbildungsplatzangebote einer Nachfrage von etwa 557.000 Jugendlichen gegenüber. Rein statistisch war der Markt damit nahezu ausgeglichen. Dennoch blieben zum Stichtag zehntausende Ausbildungsstellen unbesetzt, während ebenso viele junge Menschen weiterhin auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz waren. Das Bundesinstitut für Berufsbildung erfasst diese Ungleichgewichte im Index Passungsprobleme, der zuletzt wieder deutlich angestiegen ist.
Passung ist mehr als eine freie Stelle
Passungsprobleme zeigen sich auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Besonders deutlich werden sie auf beruflicher Ebene: Während im Handwerk und im Baugewerbe zahlreiche Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, ist die Nachfrage in anderen Bereichen deutlich höher als das Angebot.
Auch regionale Unterschiede spielen eine große Rolle. Ausbildungsplätze entstehen nicht dort, wo junge Menschen leben und umgekehrt. Mobilität verläuft häufig einseitig in Richtung der Städte, während ländliche Regionen an Attraktivität verlieren.
Hinzu kommt die qualifikatorische Passung. Viele Betriebe suchen Bewerberinnen und Bewerber mit bestimmten schulischen Voraussetzungen, während das tatsächliche Bewerberpotenzial anders verteilt ist. Besonders junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte oder geringeren Startqualifikationen haben es trotz vorhandenen Interesses schwerer, erfolgreich in eine betriebliche Ausbildung zu starten.
Wo Passung scheitert
Die Ursachen für diese Fehlentwicklungen sind vielschichtig. Auf Seiten der Jugendlichen spielen eine unzureichende oder zu späte Berufsorientierung, eingeschränkte Mobilität und erzwungene Berufswahlkompromisse eine große Rolle. Wer sich aus Mangel an Alternativen für einen Beruf entscheidet, trägt ein höheres Risiko, dass das Ausbildungsverhältnis instabil bleibt.
Gleichzeitig berichten Betriebe, insbesondere kleinere Handwerksbetriebe, von steigenden Anforderungen, knappen Ressourcen und wachsenden Schwierigkeiten bei der Begleitung von Auszubildenden. In der Praxis treffen hier unterschiedliche Erwartungen aufeinander, die ohne Unterstützung nur schwer zusammenfinden.
Wenn Passung fehlt, bleiben Chancen ungenutzt
Mangelnde Passung hat konkrete Folgen. Viele Jugendliche wechseln zunächst in den Übergangsbereich, statt direkt eine vollqualifizierende Ausbildung aufzunehmen. Andere lösen ihren Ausbildungsvertrag vorzeitig und das nicht selten, weil der Beruf oder der Betrieb nicht den eigenen Erwartungen entsprach.
Gerade im Handwerk verstärken unbesetzte Stellen und instabile Ausbildungsverhältnisse den Fachkräftemangel spürbar. Jede nicht besetzte oder abgebrochene Ausbildung bedeutet langfristig weniger qualifizierte Fachkräfte in Bereichen, die unverzichtbar sind.
Info: Was versteht man unter dem Übergangsbereich?
- Allgemeinbildende Bildungsgänge an Berufsfachschulen zur Erfüllung der Schulpflicht bzw. dem Nachholen von Abschlüssen der Sekundarstufe I
- Bildungsgänge an Berufsfachschulen, die eine berufliche Grundbildung vermitteln, die angerechnet werde kann
- Berufsgrundbildungsjahr (Vollzeit/schulisch)
- Bildungsgänge an Berufsfachschulen, die eine berufliche Grundbildung vermitteln, ohne Anrechnung
- Berufsvorbereitungsjahr inkl. einjährige Berufseinstiegsklassen
- Bildungsgänge an Berufsschulen für erwerbstätige/erwerbslose Schüler/-innen ohne Ausbildungsvertrag
- Bildungsgänge an Berufsschulen für Schüler/-innen ohne Ausbildungsvertrag, die allgemeinbildende Abschlüsse der Sek I anstreben
- Pflichtpraktika vor der Erzieherausbildung an beruflichen Schulen
- Berufsvorbereitende Bildungsgänge (Bundesagentur für Arbeit)
- Einstiegsqualifizierung (Bundesagentur für Arbeit)
Quelle: Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2025 (BIBB)
Was hilft, damit Ausbildung besser zusammenfindet?
Erfahrungen aus Praxis, Forschung und zivilgesellschaftlichem Engagement zeigen, dass Passungsprobleme vor allem dort abnehmen, wo frühzeitig begleitet und kontinuierlich unterstützt wird. Praxisnahe Berufsorientierung in der Schule hilft, realistische Erwartungen zu entwickeln. Mobilitätsberatung kann neue Wege eröffnen, wenn der Wunschberuf nicht im direkten Umfeld erreichbar ist.
Ebenso entscheidend ist eine verlässliche Begleitung während der Ausbildung. Individuelle Ansprechpartner, Mentoring und unterstützende Angebote für Betriebe und Auszubildende tragen dazu bei, Konflikte frühzeitig aufzufangen und Ausbildungsverhältnisse zu stabilisieren. Solche Ansätze ergänzen bestehende Strukturen und wirken besonders dort, wo familiäre oder betriebliche Ressourcen begrenzt sind.
